Zweck der Kurt-Alten-Stiftung

Ansprache anlässlich der Vergabe „Förderpreis des Handwerkes 2011” der KURT-ALTEN-STIFTUNG am 01.12.2011 von Herrn Prof. Dr.-Ing. Berend Denkena

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Alten,

noch vor zwei Jahren hätte niemand darauf gewettet, aber heute stehen Ihre Sparten und meine – das Handwerk und der Maschinenbau – hervorragend da. Zum Geschäftsklima fasst beispielsweise die Handwerkskammer Hannover in ihrem aktuellen Konjunkturbericht zusammen: „ein insgesamt hervorragendes Ergebnis.“

Und der VDMA Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau meldete gerade ein zweistelliges Wachstum beim Maschinenexport auch im dritten Quartal 2011.

Da mein Institut ja unter anderem Werkzeugmaschinen weiterentwickelt und optimiert und entsprechend spezialisierte und sehr gefragte Ingenieure ausbildet, kann ich mich also, genau wie Sie – als Vertreter des Handwerks und auch als Ausbilder im Handwerk –, zufrieden und beruhigt zurücklehnen.

Jetzt müsste eigentlich ein Raunen durch die Reihen gehen, denn natürlich ist es nicht so. Für Sie nicht, und für mich nicht – selbst dann nicht, wenn man Weltfinanzkrisen einmal außer Acht lässt. Denn wir haben zwar die guten Konjunkturdaten unserer Branche gemeinsam, aber wir haben auch ein Problem gemeinsam: Uns fehlt der Nachwuchs, der qualifizierte Nachwuchs.

An die 100.000 Ingenieurstellen in Deutschland sind nach Angaben des VDI unbesetzt. Den Mangel spüren auch wir an der Leibniz Universität: die Bewerbungen von jungen Ingenieuren, die bei mir am Institut promovieren wollen, sind deutlich weniger geworden.

Die Situation im Handwerk ist offenbar ähnlich. Mitte des Jahres stellte Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks fest, der Bedarf an neuen Mitarbeitern sei höher als in früheren Aufschwungphasen, der Bedarf in der Baubranche sei besonders groß, nicht zu besetzende Stellen gebe es in den Bereichen Elektrotechnik sowie Maschinen- und Kälteanlagenbau.

Eine ganz aktuelle, vielleicht typische Meldung, in diesem Fall aus Baden-Württemberg, lautet: Binnen eines Jahres hat sich bei den Handwerksbetrieben für den gewerblichen Bedarf die Quote der Betriebe, die keinen Auszubildenden finden konnten, von zehn auf 20 Prozent verdoppelt.

Neben den ersten Gedanken, dass Sie und ich – oder auch: das Handwerk und der Maschinenbau – viel gemeinsam haben, tritt nun fast zwangsläufig ein zweiter Gedanke: Wir sind Konkurrenten! Wir sind feindliche Jäger, und unsere Jagdgründe sind die schrumpfenden Bestände leistungsfähiger und – williger Schulabgänger. Erst jagt das Handwerk uns die Abiturienten ab – zurzeit sind sechs Prozent derer, die eine handwerkliche Ausbildung beginnen, Abiturienten – und dann jagen die Hochschulen dem Handwerk die Gesellen und Meister wieder ab. Niedersachsen und explizit auch die Leibniz Universität sprechen mit dem Konzept der Offenen Hochschule auch handwerklich ausgebildete junge Leute ohne Abitur an. Gern mit Verweis auf den Fachkräftemangel, den man auf diese Weise zu beheben gedenkt.

Wäre mein Redebeitrag hier zu Ende, könnte ich nun noch mit Stolz auf die Preisträger schauen und feststellen: die Hochschulen haben zwei zu eins gewonnen. Zwei der ausgezeichneten drei Spitzennachwuchskräfte sind dem Handwerk untreu geworden und ins akademische Umfeld gewechselt, zwar nicht zur Leibniz Universität, sondern zur Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim, und nur einer baut seine Existenz mit einem eigenen Handwerksbetrieb auf.

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Das fängt schon damit an, dass Sie, liebe Preisträger, natürlich nicht die Opfer der Sie jagenden Handwerkskammern oder Hochschul-Fakultäten sind. Sie haben Wünsche, Ziele, Lebensträume, die Sie verwirklichen wollen, und Sie haben Ihren persönlichen Weg gesucht, um diese Ziele zu erreichen. Was Sie drei uns vor Augen führen, ist erstens die Bandbreite möglicher Ziele und zweitens, dass die Systeme Handwerk und Hochschule sich hervorragend ergänzen können.

Letztlich muss man nur die Perspektive derer annehmen, die man gewinnen will, um den Konkurrenzgedanken ganz schnell zu den Akten zu legen. Junge Leute müssen die Möglichkeit haben, handwerkliche und akademische Ausbildungsphasen zu kombinieren, ohne dafür Himmel und Erde in Bewegung setzen zu müssen. Wer mit 15 oder 16 einfach keine Lust mehr auf Schule hat, sollte die Chance haben, sich ohne spätere Benachteiligung in einer Ausbildung zu bewähren. Wer mit 18 oder 25 Jahren dann meint, etwas verpasst zu haben, sich spezialisieren zu wollen und deshalb sein Wissen akademisch vertiefen will, muss das ohne Hürden tun können. Am Ende steht es den akademisch und handwerklich ausgebildeten Fachkräften dann ohnehin offen, ob sie in die Industrie gehen, ob sie ihr Wissen in größere Handwerksbetriebe einbringen oder ob sie sich selbständig machen, in die Lehre gehen, was auch immer. Dass ihnen diese Wege tatsächlich offenstehen, das ist nach den Regeln der Demografie keine Phrase, sondern ein Fakt.

Stichwort „Fachkräfte“: Gern werben ja, wie schon erwähnt, die akademischen Angebote für nichtakademisch Ausgebildete damit, den Fachkräftemangel zu beheben. Diese Auffassung halte ich für vermessen, denn ein gut ausgebildeter Geselle oder gar ein Meister ist bereits eine vollwertige Fachkraft. Vielmehr schließe ich mich hier der Auffassung des Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler, an. Er wirft der OECD vor, so war im Spiegel zu lesen, mit der Forderung nach einer höheren Akademikerquote eine „höchst unerfreuliche” Diskussion in Deutschland zu befeuern. Das Land brauche mehr Fachkräfte, „nicht noch mehr Studenten”.

Tatsächlich liegt die Akademikerquote in Deutschland vergleichsweise niedrig, weil andere Länder viele Qualifikationen und Abschlüsse an Hochschulen vermitteln und in der Rubrik „akademisch“ mitzählen, die bei uns in vergleichbarer Qualität im dualen System erreicht werden.

Das Land braucht, wie Kentzler richtig feststellt, mehr Fachkräfte – nämlich insbesondere Handwerker in den technischen Berufen, Techniker, Ingenieure, MINT-Absolventen. Und es werden ja nicht dadurch mehr, dass wir sie mal im Handwerk, mal an der Uni zählen. Was tun?

In diesem Wintersemester ist der Anteil der weiblichen Studienanfänger an der Fakultät für Maschinenbau von 13 auf 12 Prozent gesunken. Der Anteil der weiblichen Auszubildenden in der Handwerkskammer Hannover liegt bei recht konstanten 24 Prozent. Aber schauen Sie genauer hin: Im Bereich Holz sind es nur noch knapp zehn Prozent, beim Bau knapp acht, im Bereich Metall, auf den fast die Hälfte aller Ausbildungsplätze entfallen, sind 2,5 Prozent der Auszubildenden Frauen. Zweikommafünf.

Die Erfolgsquote übrigens, die die Handwerkskammer für das Jahr 2010 bei den Gesellen- und Abschlussprüfungen ausweist, liegt bei 84,5 Prozent bei den Männern – und 91 Prozent bei den Frauen.

Diese Zahlen braucht man kaum mehr zu deuten, und sie sind ja auch nicht neu. Sie zeigen einfach einmal mehr, wo das Potenzial für den Fachkräftemangel zu finden ist. Aber leider belegen sie auch, wie erfolglos all die Versuche bisher sind, die Trendwende zu schaffen. Trotzdem müssen wir damit weitermachen.

Bei uns am Produktionstechnischen Zentrum hat gerade im November zum dritten Mal der Mädchen-und-Technik-Kongress stattgefunden, zum dritten Mal konnten Sie dort 150 junge Frauen aus der Region erleben, die mit leuchtenden Augen gießen, schweißen oder im Reinraum agieren. Stellen wir uns vor, ein Drittel dieser Frauen zwischen 14 und 18 Jahren entscheidet sich dafür, nach der Schule Maschinenbau in Hannover zu studieren, dann würde das die Quote der Maschinenbau-Anfängerinnen in Hannover binnen weniger Jahre von 12 auf immerhin 18 Prozent anheben. Absolut gesehen wäre das ein Zuwachs um mehr als 50 Prozent – von 90 Anfängerinnen heute auf dann 140. Ein Anfang, immerhin.

Neben solchen Veranstaltungen ist es wichtig, dass wir, wie eingangs angesprochen, die Systeme durchlässig machen. Auch wenn es vielen jungen Frauen – und natürlich auch jungen Männern –, die weder den technischen Handwerksberufen noch einem technischen Studium etwas abgewinnen können, erscheinen mag, als stütze hier der Lahme den Blinden, so werden andere es als entscheidend ansehen, dass sie sich beispielsweise mit einer Ausbildung keinesfalls gegen ein Studium entscheiden und ihnen weiterhin alle Wege offenstehen.

Dass Hochschulen, Handwerk und auch der ganze Rest der Arbeitswelt familienfreundlicher werden müssen, wenn Frauen sich an die Stellen begeben sollen, an denen sie dringend gebraucht werden, ist eine Binsenweisheit, die man sich kaum noch auszusprechen traut. Wahr bleibt sie trotzdem.

Und einen vierten Punkt möchte ich ansprechen. Seit einigen Jahren wird das Rollenverständnis von Kindern von einer mächtigen Allianz aus Konsumforschern und Spielzeugindustrie immer weiter zugespitzt: Es gibt in der Welt dieser Kinderzimmerausstatter mit Milliardenumsätzen zwei lukrative Rollen. Die Rolle der lieben, rosa Prinzessin vor dem Kleiderschrank und die des lärmenden Piraten-Invasoren-Baumeisters. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir eines Tages feststellen, dass die Rollenklischees, die wir in vielen Bereichen längst als abgehakt angesehen haben, um ein vielfaches verstärkt wieder da sind. Und in zehn, 15 Jahren junge Frauen gegen solche verinnerlichten Rollenbilder für MINT zu begeistern, dürfte um ein einiges schwieriger sein, als es jetzt ohnehin schon ist.

An dieser Stelle kann man nur dazu aufrufen, die Augen aufzuhalten und als Eltern oder Großeltern im privaten Umfeld diese neuen alten Rollenklischees zu sabotieren, wo immer es geht.

Und man freut sich umso mehr über Rollenvorbilder wie Annalena Schröder. Ich bin zuversichtlich, liebe Frau Schröder, dass Sie diese Funktion als Vorbild gern und ganz bewusst wahrnehmen – obwohl ich es durchaus verstehen kann, wenn so genannte „role models” sich gelegentlich auch als Quotenfrauen missbraucht sehen, weil sie den Eindruck haben, dass ihre exzellente fachliche Qualifikation dadurch in den Hintergrund rückt. Tatsächlich brauchen wir Sie als exzellente Meisterin UND als Vorbild für viele weitere, künftigere Handwerksmeisterinnen.

Im Bewerbungsgespräch erzählten Sie davon, dass Sie bereits seit Ihrer Ausbildung das Tischlerhandwerk auf Ausbildungsmessen präsentieren und Nachhilfe für Auszubildende geben. Sie sind also mit Ihrer Rolle als Werbeträger schon lange vertraut – und man darf vermuten, dass die eine oder andere weibliche Auszubildende im Handwerk bereits jetzt Ihrem Einfluss zu verdanken ist.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Natürlich freuen wir uns auch über jeden männlichen Neuzugang in der MINT / Handwerks-Welt, und natürlich wollen wir auch für junge Männer die Systeme durchlässiger machen. Die große Herausforderung aber wird es sein, die jungen Frauen für unsere Branchen zu gewinnen.

Dafür wünsche ich uns weiterhin eine gute, enge Zusammenarbeit.

Und deutlich mehr Erfolg, als uns bisher beschieden war.

Vielen Dank.

Garbsen, den 01.12.2011
Berend Denkena